Februar 2010
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Plappernde Palaverer

Ein kleines Mädchen. Ein Hund, struppig, nicht einmal kniehoch, aber doch eher kanin als chen. Eine Leine, eine von diesen automatischen, mit denen dem Halsbandträger freier Auslauf vorgekaugelt wird. Wird’s dem Halter zu lang, drückt er einen Knopf und am Hundehals wird gezerrt. Fahrradfahrer und Fußgänger hassen diese fast unsichtbaren Stolperfallen. Aber das kleine Mädchen, nicht älter als 2 Jahre hält den Struppi an der kurzen Leine; es ist nicht klar, ob sie stolz führt oder ob ihr nur wenig kleinerer Vierbeiner hier den Halter spielt. Süß.

Überall sind Menschen, große Menschen, erwachsene, seltsam schlanke, seltsam riechende, seltsam weiche Bäume locken, ein Wald, durch den Struppi und seine Zweijährige wandern. Markieren oder nicht markieren, das ist hier die Frage. Wohl besser nicht, diese Bäume bewegen sich komisch, erinnern auch an die Alphas, die Struppi sonst füttern und draußen herumführen.

Zwitschernd erreichte die Nachricht den einen oder anderen wohl erst recht spät: @frauenfuss stellt ihre Zeichnungen ‘Ich male meine Follower’ in Lachstadt aus, im stilwerk, unten an der Elbe. Angeblich hatten ihre Sponsoren mindestens eine Woche bereits Werbung dafür gemacht. Gesehen hatte ich nichts – vielleicht sollte ich mehr raus kommen, auch nicht mehr die niveauvollen, arroganten Seiten des Internets besuchen. Mehr Boulevard, mehr die kleine lachstädter Konkurrenz zur großen VERSALIEN-Tageszeitung. Nun, dank Twitter wurde ich auf die Vernissage aufmerksam.

All diese Gerüche, all diese Geräusch – HIER IST LAUT, ich kann keine Details erriechen! Ohren zugeklappt, Augen brauche ich, sonst läuft meine Nase unangenehmen schmerzend in diese … Beine, es müssen wohl Beine sein. Bäume sind leiser und riechen besser. Die kleine Alpha ist noch da, gut. Nur nicht verlieren, die gehört beschützt, ist Teil meines Rudels.

Ich folge @silenttiffy, die ist nicht nur lustig, die ist witzig. Gehört zu dieser neuen Generation Schreiberlinge, die das Internet zu nutzen wissen – nicht um zu hegemannen, sondern um ihre Texte zu verbreiten.Und sei es nur durch Hinweise auf Lesungen. Samstagmittag  ein Tweet, sie liest, hier in Lachstadt, noch am Abend. Schreibt Sie mir, als ich nachtwittere, bei dieser Kunstaustellungseröffnungszeremonie. Klingt gut. Kucke ich nach, finde @frauenfuss, auch witzig, folgen, nicht nur sie und @silenttiffy, auch @quengelexemplar, ein weiterer meiner Favs, @elbpoet, @bosch, @litteratur und @vergraemer sollen da sein und verlesen. Für all die streiche ich gerne sinnvolle Termine aus meinem Kalender.

Das kleine Mädchen fällt mir schon früh auf, da hält sie noch die Mama fest, nicht die Leine, aber der Hund ist auch schon da. Er sieht diese Taschenratte an, die an einer anderen Leine hängt. So ein dunkelgraubraunes Tier, dass von Besitzern als Rauhaardackel bezeichnet wird, selbstverständlich die Toy-Version, noch ‘ne Nummer kleiner als Zwergdackel, wenn man nicht aufpasst, hat man ekligen Schmodder am Schuh und seine Privathaftpflicht endlich mal genutzt.

Die kleine macht einen aufgeweckten Eindruck, eigentlich viel wacher, reger und intelligenter als das angesprochene Publikum. Wieder busserln sich dahinten welche zur Begrüßung, so Schwabing. Alles sabbelt vor sich hin -

AUUUU! Eines dieser Beine tritt mich. PASS AUF. PASS AUF. ICH KANN DICH AUCH BEIßEN! Ist ja nicht so, als ob ich zu überriechen wäre, müsst halt nur ein wenig drauf achten, was eure Nasen euch sagen. Meinetwegen könnt ihr auch eure Augen nutzen, auf so kurze Entfernung immerhin auch my weapon of choice. Muss ja. Jetzt tut meine Pfote wieder tagelang weh. Arsch.

Um kurz nach sieben versuchen die Veranstalter sich Gehör zu verschaffen. Trotz großer Lautsprecher nicht so ganz einfach. Die Leute hören nicht. Sie wollen nicht, ist ja auch viel interessanter, mit jemandem zu tratschen, den man zuletzt vorgestern gesehen hat. Zugestanden, der einzige, der seine Begrüßung hat vorbereiten lassen, ist der Sponsor. Dummerweise hat die Marketing-Abteilung den Text verfasst. Und niemand hat ihn mal ausprobiert. Da liest also jemand eine Pressemeldung vor. Aber die Künstlerin und die Veranstalterin machen ihre Sache gar nicht übel, authentisch, ehrlich. Vor allem kurz.

Bis zu den Lesungen ist noch hin. Reichlich. Zeit, das Moleskin Project mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Schöne Sachen, erinnern an Sempé, feine Striche. Witzige Einfälle. So sieht also @frauenfuss ihre Follower. Klassische Karikatur, nicht entblößende Satire, feiner Humor. Doch, gefällt. Würde ich mir hinhängen.

Der Geräuschpegel von mehreren Hundert plappernden erreicht inzwischen Fuhlsbütteler Stärke. Beim Start. Frage mich wieder einmal, weshalb nicht viel mehr Hunde in der Stadt durchdrehen und gewalttätig werden. Was die an sensorischem Chaos verarbeiten müssen …

Ah, so langsam müssten die Schreiber lesen. Die Veranstalterin bittet ungehört um Ruhe. Der erste Schriftleger geht ans Mikro und beginnt. Wie ich einige Minuten später mitbekomme, habe ich Glück, ich kann ihn hören, sogar verstehen. Trotzdem denke ich darüber nach, mich zu dem Pfeiler dicht am Pult vorzurobben. Schon weil meine Kamera dann die Gesichter besser sieht. Im Moment nur unter Einsatz schwerer Gewalt möglich. Peitsche liegt zu Hause, Colt habe ich auch keinen. Nur den Hut. Und eine farblich zivile Version der M-65. Warten wir mal.

Die Palaverer machen weiter, die Poeten tun mir leid, werden sie lauter, steigt das Grundrauschen uninteressanter Schwätzereien. Keiner der twitternden Schriftsteller entfleucht dem Klischee des schüchternen In-sich-Seienden, kein Brachialdichter im Heny-Rollins-Format dabei. Sie sind leise, selbst wenn sie laut werden. Keiner der palavernden Plapperer hat Angst vor diesen Hänflingen. Schade. Und keiner hat die durchsetzende Stimmkraft eines Dylan Thomas. Sie gehen unter.

Selbst @bosch, der seinen Frust in die lange vorbereiteten Texte einflicht, auch er wird nur vorne wirklich konzentriert vernommen. War er es, dessen Groupie laut nach Ruhe rief? Er versprach einen kurzen, eine sehr kurzen und einen sehr sehr kurzen Text. Keiner der Vortragenden durfte länger als 10 Minuten. Selbst das scheint zu lang zu sein. Zwischendurch Pausen. Doch, die Plapperer bleiben herausgefordert, sie scheinen an ADS zu leiden. Erfordert etwas ihre Aufmerksamkeit länger als ein Werbespot für Margarine läuft, geben sie auf, fangen wieder an selbst zu sabbeln. Laut. Laut genug.

Dort hinten saß im ersten Teil noch ein Blinder, er ist angewiesen zu hören. Jetzt, nach der Pause steht er, neben der ersten Reihe mit Stühlen, alle besetzt. Auch ihn interessieren die angekündigten Dichter mehr als die zwitschernden Schwätzer. Hier vorne kann er hören. Aber nicht mehr sitzen. Denn die jungen, gesunden müssen sitzenbleiben. Sind sie vielleicht aus der Schule gewohnt. Oder ich bin einfach alt, aufgewachsen noch mit Gedanken an Respekt, Toleranz, Höflichkeit.

Freue mich auf @silenttiffy. Höre sie das erste Mal. Sehen, ob ihre Lesungstexte ebenso witzig sind wie ihre Tweets. Die Veranstalterin tritt vor, ran ans Mikro, nach einem saukomischen Text über Tanzbären und Casting-Shows von @litteratur. Sie bedankt sich bei den Poeten. Dann: ‘Das war’s dann für heute. Schauen Sie sich gerne weiter die Bilder an, unterhalten Sie sich.’ Wie denn, was denn. Wo denn. Was. Ist. Mit. @silenttiffy? Leider kein Hinweis, muss eigenes Modell entwickeln.

Publikumsverschimpfung: Ihr wart zu LAUT! Ihr blöden Säcke, konntet ihr nicht mal ein paar Minuten einfach nur anderen zuhören? Ist es so schwierig, die eigene Nichtsagendheit mal für 10 Minuten, eine halbe Stunde, auch stumm bleiben zu lassen?

Immer wieder geht das kleine Mädchen mit der Leine und dem Hund rum. Sie freut sich. Sie ist offensichtlich stolz. Sie ist ein großes Mädchen, sie kann schon ganz alleine mit dem Hund gehen. Pappa oder Mamma sind ja nicht weit, meistens wenige Schritte hinter ihr. Wieso sind Kinder in Supermärkten nicht auch so? Oder Erwachsene auf Vernissagen?

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